Moscharekate Digitali 2022: Studie zur Techniknutzung von afghanischen geflüchteten Frauen in Deutschland

Die Studie در چت صحبت میکنیم („Wir benutzen einen Chatbot“) wurde zwischen März und Juni 2022 von der Universität Tübingen, Internationales Zentrum für Ethik in den Wissenschaften, gemeinsam mit der Organisation ZAN e.V. im Rahmen des Projektes Moscharekate Digitali und dem WeNet-Projekt durchgeführt.

Was wurde untersucht?

In Fokus-Gruppen-Diskussionen mit 14 afghanischen geflüchteten Frauen hat die Studienleiterin Laura Schelenz gemeinsam mit Vahideh Taheri von Zan e.V. untersucht, welche Einstellungen die Teilnehmerinnen zum Thema Technik und soziale Medien haben. Es wurde auch ein eigens entwickelter Chatbot getestet, der es erlaubt, Fragen in einer geschlossenen Gruppe zu stellen und Antworten von einem kompetenten Gruppenmitglied zu erhalten. Hintergrund der Studie ist die zunehmend positive Haltung gegenüber Informations- und Kommunikationstechniken (IKT) zur Integration von geflüchteten Menschen. Die Studie beleuchtet diesen technikdeterministischen Ansatz kritisch. Sie fragt nach Potenzialen, aber auch Grenzen von IKT zur sozialen Inklusion von Geflüchteten.

Was wurde herausgefunden?

Die Studie zeigt, dass die Interaktion mit Technik bei afghanischen geflüchteten Frauen durch sie betreffende strukturelle Ungleichheiten geprägt ist. Von Barrieren betroffen sind afghanische Frauen durch mangelnde Bildung und Sprachkenntnisse, aber auch mangelnde Befähigung im Umgang mit Technik. Ein Grund für negative Erfahrungen mit digitalen Medien sind konservative Geschlechterverhältnisse, gepaart mit mangelnder digitaler „literacy“. Frauen möchten sich davor schützen, dass ihre Bilder in den sozialen Medien sichtbar sind und sie von Fremden, insbesondere fremden Männern, in den sozialen Medien angesprochen werden. Denn ansonsten kann es zu familiären Konflikten kommen. Die Privatheitseinstellungen entsprechend anzupassen ist jedoch eine Herausforderung. Auch aufgrund einer möglichen Verfolgung durch militante Gruppen in Afghanistan brauchen afghanische Frauen hohe Sicherheits- und Privatheitsstandards im Umgang mit digitalen Medien.

Welche Ideen haben afghanische geflüchtete Frauen für die sichere und praktische Gestaltung von Technik?

Die Teilnehmerinnen der Studie haben ihre eigenen Ideen für Technikdesigns mitgeteilt:

  • Audio-Funktionen statt textbasierter Chats
  • möglichst schnelle Rückmeldung aus einer Online-Gruppe (zum Beispiel über „real time assistance“)
  • ein hohes Maß an Privatheit und Sicherheit
  • leichte Bedienbarkeit und intuitive Menüführung

Was ist noch wichtig?

Wichtig ist es, die Lebensrealität von afghanischen geflüchteten Frauen bei der Entwicklung von neuen Maßnahmen zur Integration einzubeziehen. Ist eine App die richtige bzw. die einzige Lösung zur Integration von afghanischen geflüchteten Frauen?

Grundsätzlich braucht es flächendeckend Bildungsangebote zur digitalen Befähigung afghanischer geflüchteter Frauen. Denn die Verwendung einer E-Mail-Adresse oder die Registrierung in einem Online-Portal werden ohnehin relevant bei Behördengängen oder bei der Anmeldung von Kindern in der Schule. Erst durch digitale Befähigung können digitale Angebote eigenständig und gewinnbringend durch afghanische Frauen genutzt werden.

Ausschließlich digitale Services anzubieten ist im Angesicht der Forschungsergebnisse bedenklich. Zwar bergen IKT viele Potenziale, aber die Studie zeigt, dass strukturelle Faktoren große Hürden beim Zugang und der Nutzung von digitalen Angeboten schaffen. Persönliche Angebote mit kompetenten Berater:innen können teilweise effektiver bei der sozialen Inklusion afghanischer geflüchteter Frauen sein als „moderne“ digitale Technik.

 

Wo kann ich mehr erfahren?

Die wissenschaftlichen Ergebnisse werden bald in einer englisch-sprachigen Fachzeitschrift veröffentlicht. Bei Fragen steht die Studienleiterin Laura Schelenz zur Verfügung: laura.schelenz@uni-tuebingen.de.

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